rezi109 - Debras Verlag

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

rezi109

ISBN_978-3-937150-10-9

Lesererfahrung von Edgar Helmut Neumann

Robert Lopes: Das Hexenbuch
(O Livro da Bruxa übersetzt von Alda Schlemm Niemeyer)
Debras Verlag Konstanz 2013, 120 Seiten, Klappenbroschüre

Bevor ich über das Buch schreibe, muss ich mindestens einen Satz zur Übersetzerin sagen: Alda Schlemm Niemeyer, eine sehr agile Seniorin, hat mich aus vielerlei Gründen "eingefangen" und damit auch für den von ihr in der deutschen Ausgabe lesenswert gemachten Text von Roberto Lopes eingenommen.

Ich kann die Originalausgabe nicht lesen, weil ich des Portugiesischen nicht mächtig bin. Ich habe über den Autor im Internet suchend nicht viel in Erfahrung bringen können, bei amazon nicht mehr als ein Foto, das ihn „in guter Verfassung" zeigt, ein Kinderbild.
So muss ich mich mit der Information im Klappentext des Buches aus dem Debras Verlag zufrieden geben: Ein Arzt, der mit seiner Schwester eine Klinik in São Paulo leitet, nebenbei Ingenieur und Rechtsanwalt ist. Aus anderer Quelle weiß ich, dass das Livro da Bruxa  bereits eine hohe Auflage erreichte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Nun auch ins Deutsche.

Ich war sofort begeistert von der inzwischen 93 Jahre alten Übersetzerin, als ich mir in einem bekannten Internet-Portal zwei Interviews mit ihr zu ihrem neunzigsten Geburtstag und dann noch einmal zwei Jahre danach anschaute (deren Wortlaut ich leider nicht verstand aber erahnte) und mir vorstellte, sie wäre diejenige gewesen, der der Ich-Erzähler begegnet ist. Sie wird mir das Gedankenspiel bestimmt verzeihen. Da gibt es auch noch ein knappes Video über die Frau aus Blumenau in Brasilien ( die damals das Inferno in Dresden überlebte) , in dem man sie über einen lokalen Übersetzungsauftrag deutsch reden hört. So viel zu ihr.

In Roberto Lopes' Buch wird ein junger Arzt von seiner betagten Patientin zurück ins Leben geführt, er lernt zu leben. Sein Leben bekommt über einen kleinen Zeitraum hinweg eine völlig neue Qualität. Er lernt sehen und verstehen, wobei er sich ein neues Verständnis der Alltäglichkeiten aneignet. Seine Patientin, die am Ende überraschend auf Schiffsreise geht, und das nicht zum ersten Mal, macht ihn auf Zusammenhänge aufmerksam, die für ihn längst zu nicht mehr beachteten Selbstverständlichkeiten wurden. Sie weckt bei ihm eine neue Aufmerksamkeit. Sie lässt ihn aufs Neue verstehen, was Kinder den Erwachsenen voraus haben. Sie sagt ihm gleich zu Beginn, dass sie eine Hexe sei, er nennt sie sofort Professorin. Dass er die Begegnung mit ihr als Ich-Erzähler zu diesem Hexenbuch verarbeitet, ist noch etwas mehr als der Kuss, den sie ihm zum Abschied abverlangt.

Roberto Lopes hat sein Buch mit sehr viel Gefühl geschrieben, die Empathie, die der Ich-Erzähler für seine Patientin empfindet, überträgt sich aus der Fiktion heraus ganz automatisch in des Lesers Gedanken, wenn diese in seiner eigenen Umgebung kreisen.

Und nicht vergessen darf ich, wie simpel es manchmal ist, einem klarzumachen, dass man um zu erkennen nicht zu weit denken darf: Dieses kleine Quadrat mit zwei diagonalen Linien, das einmal als Briefumschlag angesehen werden darf, dann eine Sanduhr wird und letztlich den Blick in einen weiten Raum öffnet. Nicht zu vergessen schließlich die sehr einfache Wirklichkeit, dass jeder Mensch tatsächlich ein „homo ludens" ist, was nach Friedrich Schiller viele weitere einsichtige „Lehrmeister" mehr oder weniger eindringlich formulierten. Roberto Lopes addiert die Erkenntnis einfach nur spielerisch an die Reihe von beachtenswerten Weisheiten, die er aus einer „Malstunde" heraus entwickelt.

Ich ende an dieser Stelle, weil ich Acht geben muss, dass ich nicht zu theoretisch werde und den spielerischen Geist des Buches, das man selbst „erfahren" muss, gedanklich zudecke.

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü