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ISBN_978-3-937150-11-6

Ein Buch, das zur Nachdenklichkeit anregt


Peter Wiegel: Drachenspucke
Debras Verlag Konstanz, 2013, 248 Seiten, Klappenbroschüre

"Drachenspucke" gab Peter Wiegel seinem im Debras Verlag Konstanz erschienenen Buch als ahnungsheischenden Titel. 240 Seiten, die nacheinander Lust auf mehr machen.  Auf den meisten Seiten steht etwas, was als Unterhaltung zu lesen ist. Das Buch ist wohl aber auch deshalb geschrieben, weil der Autor zumindest manchmal nachdenklich machen will. Auf irgendeiner Seite beispielsweise sagt er uns, dass Menschen zu viele überflüssige Ängste haben, um uns gleichzeitig zwischen den Zeilen mitzuteilen, dass wir gelegentlich zu furchtlos mit etwas umgehen.
Seine Geschichten beginnt er mit der Frage, was ein Mensch denn sei. Immanuel Kant fand ich im Buch nicht zitiert, aber dass der Mensch ein Geschöpf der Mitte ist, weil man nicht weiß, was vor ihm war und was nach ihm kommen wird, das stellt sich in überraschenden Entwürfen von vielleicht Möglichem und wahrscheinlich Unmöglichem immer wieder dar.
Peter Wiegels Homepage teilt uns sehr viel über diesen Menschen mit und lässt uns auch mit vielen Fragezeichen einfach sitzen. Sein Buch "Drachenspucke" vermittelt uns viele Phantasien dieses Autors, dem anderweitig überragende Fähigkeiten bescheinigt sind und dem hiermit dann noch viel mehr bescheinigt ist. Müssen wir nicht wirklich auf unseren Nachwuchs Acht geben, dass er nicht zu Cybermenschen mutiert, basteln nicht schon Unermüdliche an Interface-Beziehungen, wird im Fernen Osten nicht schon bald der stimulierende Online-Kuss serviert? Auch deutsche Studenten arbeiten an ferngesteuerten Orgasmen. Die Cybersexsucht ist bereits ein lexikalischer Begriff.
Peter Wiegel geht es offensichtlich aber nicht um den erhobenen Zeigefinger sondern um eine amüsante Unterhaltung mit Nebeneffekten. Es wäre nicht fair, zu viel über den Inhalt des Buches zu verraten. Mir gefallen alle zehn Geschichten, einige natürlich mehr als die anderen. Besonders interessant finde ich eine Transgender-Beziehung, deren Unwirklichkeit man gerne in eine baldige Wirklichkeit umwandeln möchte. Dieses Märchen wird aber so bald nicht wahr werden.

Meine Lieblingsgeschichte ist die letzte des Buches, man möchte fast sagen, ein utopisches Dornröschen-Märchen ohne böse Hexe sondern mit einem liebenden Vater. Dabei stellt sich mir die Frage, ob im Zeitalter von Klonen usw. und Einfrieren dieser Traum denn so weit weg sein muss.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

Als Albrecht Ludwig Berblinger 1810 seinen flugfähigen Gleiter der Öffentlichkeit vorführen wollte, stürzte er damit in die Donau und wurde verlacht. 1986 hat dann jemand nachgewiesen, dass dieses Gerät wirklich flugtauglich gewesen ist. Solche Nachrichten wecken in uns Gefühle, wie sie der eine unter uns in jugendlichen Jahren beim Lesen mancher Geschichten von Jules Vernes, andere in späteren Jahren bei Romanen von Karl Herbert Scheer oder seiner in- bzw. ausländischen Autorenkollegen empfunden haben mag. Als ich jetzt Peter Wiegels "Drachenspucke" las, dachte ich unwillkürlich an Leonardo da Vincis  Entwurf eines Flugapparates, worüber heutzutage niemand lächelt sondern staunt. Ich will damit keinesfalls mutmaßen, dass Wiegels Phantasien, die absolute Science Fiction sind, einmal Realität werden könnten. Mir scheint das meiste eher völlig unwahrscheinlich. Doch wie oft schon ist an "Die Reise von der Erde zum Mond" erinnert worden, wobei eine Landung der Menschen auf dem Erdtrabanten für Jules Vernes selbst damals noch eine absolute Unglaubwürdigkeit gehabt haben dürfte. Vielleicht kommt es ja nur auf die Intentionen in solchen Tagträumen an. Solche Tagträume müssen ja nicht immer Wunschgedanken sein, sie haben- wie schon bemerkt - ebenso oft einfach warnenden Charakter.

Manchmal gelingt dem Menschen aber ein visionäres Vorausdenken, das keineswegs den mehr oder weniger festen Glauben an mögliche Realisationen oktroyieren will. Soviel zu meinen abschweifenden Gedanken, die mich beim Lesen von Peter Wiegels "Drachenspucke" befielen ohne dass ich mich ihrer erwehren wollte.

2013 sind diese zehn SF-Geschichten wissenschaftlich, technisch und moralisch schlichtweg Utopie. Wer weiß heute, was dreizehn Jahre vor der nächsten Jahrtausendwende sein wird? Aber ist es nicht doch bezeichnend, dass man solche Gedankenspaziergänge schildert, bevor man auf seinen persönlichen Lesegenuss zu sprechen kommt?  Um dem Leser gegenüber fair zu bleiben, habe ich sie hier dann doch lieber hintenan gestellt.

© Leseerfahrung von Journalist Edgar Helmut Neumann im August 2013


 
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